Sollten Demenz-Patienten noch Auto fahren?

Der plötzliche Verlust des Führerscheins kann weitreichende psycho-soziale Folgen haben. Foto: stock.adobe.com/Peter Maszlen

Wer an Demenz erkrankt ist, sollte nicht mehr Auto fahren. Diese Aussage trifft auf viele Fälle zu, aber eben nicht auf alle. ­Studien zeigen, dass im Frühstadium ­mancher Demenz-Formen die Fahreignung noch gegeben sein kann. Welche Folgen ein Führerscheinverlust für die Betroffenen hat, wie Angehörige reagieren können, welche ­Erkenntnisse Studien gebracht haben und wie die Fahrtauglichkeit überprüft werden kann, erklären Experten.

Aus dem Bauch heraus würden die meisten die Frage, ob Demenz-Patienten noch Auto fahren sollten, vermutlich mit einem klaren „Nein“ beantworten. Doch die Gesetzgebung verbietet es im Falle einer leichten Demenz nicht explizit. So sitzen laut einer internationalen Studie aus dem Jahr 2017 40 Prozent der Erkrankten weiterhin am Steu-er – obwohl das Unfallrisiko zwei- bis fünfmal höher ist als bei gesunden Gleichaltrigen. Betroffene verfahren sich vergleichsweise öfter, haben Schwierigkeiten bei der Interpretation von Verkehrszeichen, vergessen, sich anzuschnallen und begehen mehr Fahrfehler. Hinzu kommt, dass sie Fahrten bei Dunkelheit und in ungewohnter Umgebung vermeiden, die Geschwindigkeit reduzieren und insgesamt weniger Kilometer fahren.

Nun möchten Sie sagen: „Das betrifft mich doch alles gar nicht.“ Doch der größte Risikofaktor für das Entwickeln einer Demenz ist das Alter – und wir leben in einer alternden Gesellschaft. Laut Bundesforschungsministerium könnte sich die Zahl der derzeit etwa 1,6 Millionen Demenzkranken in Deutschland bis 2050 fast verdoppeln. Von daher sind Studien, die sich damit beschäftigen, wie lange die Fahreignung bei diesem Krankheitsbild gegeben ist, sehr interessant. Am Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB) in Bielefeld beschäftigen sich Forscher mit dem Vorstadium von Demenz in Verbindung mit der Fahreignung.

Zwei Hauptfaktoren

Ob jemand mit Demenz noch Auto fahren kann oder nicht, hängt von zwei Hauptfaktoren ab: Schwere und Art der Demenz. Nehmen wir zuerst die häufigste Form, an der 60 Prozent der Demenzpatienten erkrankt sind: Alzheimer. „Die Alzheimer-Erkrankung läuft Jahre voraus, ohne dass es irgendwelche Symptome gibt, und führt irgendwann zu Demenz“, erklärt Privatdozent Dr. Max Töpper, Klinischer Neuropsychologe am EvKB und Leiter der Arbeitsgruppe Altern und Kognitive Neurowissenschaften. „Meines Erachtens ist es bei dieser Form am ehesten möglich, im Frühstadium noch Auto zu fahren, weil da vor allem Gedächtnisstörungen im Vordergrund der Erkrankung stehen, die nicht unbedingt zu den Variablen gehören, die das Autofahren am stärksten beeinträchtigen.”

Die Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahreignung der Bundesanstalt für Straßenwesen lassen da aber Interpretationsspielraum. Danach wird nur im Falle einer schweren Demenz ein Fahrverbot empfohlen. „Einige Studien zeigen, dass auch schon im leichten Stadium ein Großteil der Patienten eine praktische Fahrverhaltensbeobachtung nicht mehr besteht“, berichtet der Wissenschaftler. Bei einer milden Alzheimer-Demenz sei es ein Drittel, bei manchen Studien hätte sogar die Hälfte die Fahrprobe nicht bestanden.

Diagnose-Kriterien

Diese Zahlen treffen auf Patienten zu, die bereits eine Diagnose bekommen haben. Dafür müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein: Defizite im Gedächtnisbereich und anderen kognitiven Domänen sowie eine deutliche Einschränkung der Alltagsaktivität. „Das heißt, dass die Leute nicht mehr im Stande sind, viele Dinge selbst zu regeln“, sagt Dr. Töpper. „Und da stellt sich natürlich die Frage, ob so eine komplexe und verantwortungsvolle Tätigkeit wie das Autofahren bei dieser Diagnose noch möglich ist.“

Starke Einschränkung

Für Prof. Dr. Klaus Schmidtke, leitender Abteilungsarzt der Neurogeriatrie und des Zentrums für Altersmedizin am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach, ist die Antwort klar: „Bei manifester Demenz, das heißt nicht im Vorstadium, sondern, wenn die Erkrankung bereits besteht, liegen in der Regel nicht nur Störungen des Gedächtnisses, sondern auch andere Einschränkungen vor, die die Fahreignung kritisch beeinträchtigen.“ Bei der Alzheimer-Erkrankung betreffe das unter anderem das räumliche Denken, und damit die Fähigkeit, Wege, Fahrspuren, Abstände und Geschwindigkeiten einzuschätzen. „Außerdem schreiten Demenzerkrankungen fast immer voran, sodass sich die Fahreignung von Monat zu Monat verschlechtert. Es ist daher klug und geboten, lieber ein Jahr zu früh als einen Tag zu spät aufzuhören“, macht Prof. Dr. Schmidtke deutlich.

Bei anderen Demenzformen ist die Fahrsicherheit noch mehr beeinträchtigt, da schon im Anfangsstadium fahrrelevante kognitive Funktionen betroffen sind, wie zum Beispiel die Reaktionsgeschwindigkeit. Bei Parkinson- und Lewy-Körperchen-Demenz erhöhen motorische Störungen und Tagesmüdigkeit das Risiko beim Autofahren. „Bei Frontotemporaler Demenz stehen am Anfang gar nicht die kognitiven Störungen im Vordergrund, sondern vor allem Verhaltensstörungen. Die Patienten haben eine erhöhte Risikobereitschaft“, erklärt Dr. Töpper. Solche Autofahrer überfahren auch schon mal absichtlich eine rote Ampel.

Vorstadium im Fokus

Deshalb erforschen Dr. Töpper und seine Kollegen überwiegend das MCI-Stadium (mild cognitive impairment = leichte kognitive Störung), also das Vorstadium einer Demenz. Denn selbst wenn Patienten zum Zeitpunkt der Diagnose bei einer milden Demenz noch Auto fahren könnten, könnten sie das nicht mehr lange, meint Dr. Töpper. Deswegen sei es interessanter, früher anzusetzen, um zu sehen, wann es losgehe mit den ersten Schwierigkeiten. „Spätestens bei der Diagnose sollte man sich dann wirklich überlegen, ob man noch Auto fährt“, verdeutlicht Dr. Töpper.

Nun ist das mit der Fahrerlaubnis bei manchen Klassen in Deutschland bekanntermaßen eine unbefristete Angelegenheit (§23 Fahrerlaubnisverordnung). „In der BRD kann ein Autofahrer nach Erhalt des Führerscheins in jungen Jahren jahrzehntelang fahren, und muss nicht einmal eine Augenuntersuchung vornehmen lassen“, erklärt Gerontologin und Sozialpädagogin Dr. Heike Elisabeth Philipp-Metzen. Obligatorische Kontrolluntersuchungen als Basis-Checks, wie sie in anderen Ländern üblich sind, fände sie auch in Deutschland sinnvoll. „Mögliche weitere Beeinträchtigungen, wie eine abnehmende kognitive Leistungsfähigkeit, könnten zur Sprache kommen, und müssten nicht von Angehörigen thematisiert werden. Dies würde die Angehörigen vielfach entlasten“, meint Dr. Philipp-Metzen, die im Vorstand des Landesverbandes der Alzheimer Gesellschaften NRW e. V. sitzt.

Doch selbst bei einer diagnostizierten Demenz können Ärzte das Autofahren nicht verbieten. Sie müssen den Patienten zwar über die nicht mehr vorhandene Fahreignung aufklären und dies dokumentieren, aber sie dürfen es aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nur in Ausnahmefällen melden. Ein Fahrverbot aussprechen dürfen die zuständige Behörde, ein Gericht oder die Polizei.

Fragebogen für Ärzte

Die Begutachtungsleitlinien  zur Kraftfahreignung sehen die Verwendung einer standardisierten neuropsychologischen Testbatterie mit dem Prozent-rang-16-Kriterium vor. Demnach ist eine Person fahrtauglich, wenn bei allen eingesetzten Leistungstests ein Prozent-rang von 16, bezogen auf altersunabhängige Normwerte, erreicht wird. „Das Prozent-rang-16-Kriterium ist ein relativ willkürlich festgelegtes Kriterium“, erklärt Dr. Töpper. Das Problem sei, dass Leistungen, die schlechter als 16 seien, durch andere Leistungen kompensiert werden könnten. So zeigt sich, dass viele Menschen den Test nicht bestehen, eine psychologische Fahr­verhaltensbeobachtung aber schon. „Insgesamt finde ich
das Prozentrang-16-Kriterium schwammig, da dieses nicht gut zwischen fahrtauglich und fahruntauglich differenzieren kann.“

Die aus medizinischer Sicht derzeit beste Methode für eine solche Untersuchung wäre ein Interview mit einem Verkehrspsychologen, eine verkehrsmedizinische Untersuchung, eine psychometrische Diagnostik und eine Fahrverhaltensbeobachtung. Doch das kann kaum jemand bezahlen, zumal freiwillige Fahreignungstests auch auf eigene Kosten gehen.

Dr. Töpper und seine Kollegen am EvKB haben einen Test entwickelt, der es Ärzten leichter machen soll, die Fahreignung eines Patienten einzuschätzen. Der SAFE (Safety Advice for Elderly Drivers = Sicherheitsberatung für ältere Fahrer) ist ein Fragebogen, der derzeit weiterentwickelt wird. „Die Idee dahinter ist, dass wir in dem Bogen diejenigen Faktoren einschließen, die sich in vorheriger und eigener Forschung als besonders trennscharf erwiesen haben“, erläutert Dr. Töpper. Die Kombination dieser Faktoren könne gut zwischen fahrtauglichen und fahr-untauglichen Personen unterscheiden. Anhand des Fragebogens könnten Ärzte ihren Patienten auch besser erklären, warum das Risiko zu hoch ist, weiter Auto zu fahren.

Noch fahrtüchtig?

Die deutsche Gesetzgebung schreibt vor, dass jeder Fahrzeugführer sich vor Fahrtantritt vergewissern muss, ob er fahrtüchtig ist. „Gerade dieser Punkt ist aufgrund der verminderten Krankheitseinsicht oft eingeschränkt. Streng genommen dürften viele Demenzpatienten deswegen nicht mehr fahren, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich einen Eindruck über die eigene Fahrtüchtigkeit zu machen“, erklärt Dr. Töpper. Spätestens wenn Angehörige sich als Mitfahrer nicht mehr sicher fühlen und sich Fehler häufen, sollte die Fahrtauglichkeit überprüft und engmaschig kontrolliert werden. Wer freiwillig einschätzen lassen will, ob er noch fahrtauglich ist, kann das bei TÜV und DEKRA tun. Auch manche Fahrschulen bieten solche Tests an, bescheinigen jedoch nicht die Fahrtauglichkeit.

Sollte der Führerschein tatsächlich abgegeben werden müssen, ist es wichtig, dass Betroffene mit viel Verständnis aufgefangen werden. „Denn Einsamkeit und soziale Isolation sind relevante Risikolagen im Alter, insbesondere auch beim Vorliegen einer Demenz. Soziale Teilhabe durch Sicherung der Mobilität bedeutet eine höhere Lebensqualität“, sagt Dr. Philipp-Metzen. Auch Dr. Töpper bestätigt, dass ein Führerscheinverlust psycho-soziale Konsequenzen haben könne: „Es ist wichtig, dass man niemanden fälschlicherweise aus dem Verkehr zieht.“ Studien hätten gezeigt, dass Menschen, denen man rechtzeitig alternative Mobilitätslösungen aufgezeigt hat, besser mit einem Verlust des Führerscheins umgehen können, als jene, bei denen dies abrupt passiert. Prof. Dr. Schmidtke ist da etwas deutlicher: „Für jeden Menschen ist das Autofahren irgendwann vorbei – es tut nur einmal weh, egal ob früher oder später. Wichtig ist der Verweis auf Pflicht und Verantwortung.“ Auch wenn es viele jetzt noch nicht betreffen mag.

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